Back
Automotive & Aerospace

Über den Wolken

Bestimmung dynamischer Eigenschaften eines adaptiven Flugzeug-Vorflügels

Das SADE-Projekt (SmArt high lift DEvices for next generation wings) innerhalb des 7. Europäischen Forschungsrahmenprogramms (Grant Agreement 213442) dient der Erforschung „intelligenter“ adaptiver mechanischer Elemente für die nächste Generation von Tragflächen. Dies trägt zur Optimierung der Aerodynamik, der Verringerung des Kraftstoffverbrauchs, aber auch von Emissionen und Lärm in allen Flugphasen bei – vor allem bei der Landung.

Im Rahmen des SADE-Projektes wurden verschiedene adaptive Steuerungskonzepte untersucht. Eine der Optionen, die von den Experten des DLR und der Airbus Group (ehemals EADS) entwickelt wurde, ist ein adaptiver, sich intelligent anpassender Vorflügel (oder Tragflächenvorderkante), der direkt am Flügelkasten angebracht ist (Bild 1).

Bild 1: Das Finite-Elemente-Modell der Testkonstruktion mit einem „intelligenten“ Vorflügel und einem kinematischen Steuermechanismus

Ein wichtiger Punkt bei der Untersuchung dieses Konzepts war die Anfertigung eines Flügelprototypen in großem Maßstab mit einem anpassbaren Vorflügel sowie die Prüfung des Prototyps im „TsAGI 101“-Windkanal bei niedrigen Geschwindigkeiten (Bild 2). Der adaptive Vorflügel aus drei Sektionen umfasst eine elastischverstärkte Außenhaut aus glasfaserverstärktem Kunststoff.

Ein Teil der extrem komplexen Berechnungen und Experimente im Rahmen des SADE-Projekts wurde unter Einbezug von Experten des Zentralen Aerohydrodynamischen Instituts (TsAGI), einem staatlichen Russischen Forschungsinstitut, durchgeführt: Entwurf und Fertigung eines Prototyps, Messung des aerodynamischen Ausgleichs im T-101 Windkanal und Ermittlung der dynamischen und statischen Steifigkeitseigenschaften eines Flügelabschnitts. Diese Arbeiten sind nicht nur für die Sicherheitsanforderungen beim Test aeroelastischer Phänomene im Windkanal erforderlich (Flattern, etc.), sondern auch, um die CAD-Geometrie und das Finite-Elemente-Modell (aus NASTRAN) des Prototyps unter Einsatz experimentell bestimmter Resonanzfrequenzen und Schwingungsformen zu prüfen.

Bild 2: Der Prototyp-Flügelteil im Arbeitsbereich des Windkanals (1 - adaptiver Vorflügel, 2 - Flügelkasten, 3 - Klappe , 4 - Rippe, 5 - Bugkonus, 6 - Stützrahmen der aerodynamischen Waage, 7 - Gehäuse der aerodynamischen Waage)

Für die Einhaltung der für die Messungen notwendigen Rahmenbedingungen wurde der Prototyp an allen Seiten mit zwei Sätzen elastischer Bänder an einem Querträger aufgehängt, der wiederum an einem Brückenkran befestigt war (Bild 3).

Bild 3: Elastische Tragkonstruktion für Frequenz-Experimente am Prototypen

Die wichtigsten dynamischen Eigenschaften des Prototyps wurden über zwei unterschiedliche Ansätze ermittelt: 

  • mit dem Schrittsinusverfahren zur Ermittlung von Resonanzen mittels eines elektrodynamischen Schwingerregers sowie einem Beschleunigungssensor zur Schwingungsmessung,
  • mit dem berührungslosen Verfahren der Laser-Doppler-Vibrometrie (LDV) mit Impulsanregung freier gedämpfter Schwingungen unter Verwendung eines Impulshammers mit integriertem Kraftaufnehmer.

 

Beim Standardverfahren wurde die Struktur mit einem elektrodynamischen Schwingerreger des Typs Prodera EX220SC angeregt und die dynamischen Eigenschaften wurden mit der LMS SCADAS III / Stepped Sine LMS Test.Lab-Hardware und -Software an PCB 333V32 Kontaktsensoren aufgezeichnet.

Die berührungslose Messung erfolgte mit einem PSV-H4-System, dabei wurden die Strukturelemente mit einem PCB- 086E80-Impulshammer zum Schwingen gebracht, der gegen die Metallteile oder die Versteifungsrippen des Prototyps geschlagen wurde.

Bild 4 vergleicht einige der mit NASTRAN für den Prototypen berechneten Schwingformen, (untere Bilderreihe) mit experimentell ermittelten Daten, die mit dem berührungslosen Verfahren (obere Reihe) oder mit dem Standardverfahren (mittlere Reihe) ermittelt wurden.

Bild 4: Vergleich einiger Schwingformen des Prototyps aus Simulation und Experiment

Das Ergebnis der Tests diente zur Ermittlung der grundlegenden dynamischen Eigenschaften der ersten 20 Eigenschwingformen des Prototyps, die eine Verfeinerung der mathematischen Simulation gestatten, um auch komplexes nicht-lineares Verhalten zu berücksichtigen. Die Abweichung zwischen den berechneten und experimentell ermittelten Werten im Standardverfahren gingen nicht über 6,5% hinaus.

Beim Vergleich der beiden Testverfahren zeigten sich die erheblichen Vorteile des Laser-Doppler-Vibrometers in Bezug auf die technische und wirtschaftliche Effektivität. So erforderten die Messungen mit dem Standard-Phasenresonanzverfahren einen 13-tägigen Einsatz von zwei Ingenieuren und zwei Technikern, während die Vibrometermessungen mit dem Polytec PSV-H4 von lediglich zwei Ingenieuren innerhalb von fünf Tagen durchgeführt werden konnten, um aussagekräftige Messdaten zu erhalten.

References: Kintscher M. Method for the Pre-Design of a Smart Droop Nose using a Simplex Optimization Scheme. – SAE Aerotech Congress and Exhibition, 10.-12. November 2009, Seattle, Washington, USA. Amiryants G., Malyutin V., Timokhin V. Selectively deformable structures for design of adaptive wing smart elements. 27th Congress of the International Council of the Aeronautical Sciences – ICAS2010, 19.-24. September 2010, Nice, France.

Quellenangaben: Kintscher M. Method for the Pre-Design of a Smart Droop Nose using a Simplex Optimization Scheme. – SAE Aerotech Congress and Exhibition, 10.-12. November 2009, Seattle, Washington, USA.Amiryants G., Malyutin V., Timokhin V. Selectively deformable structures for design of adaptive wing smart elements. 27th Congress of the International Council of the Aeronautical Sciences – ICAS2010, 19.-24. September 2010, Nizza, Frankreich. Bildnachweise: Soweit nachfolgend nicht anders aufgeführt bei den Autoren. Titelbild: ©fotolia.com/tanasan

Unsere Autoren

Dr. Sci. Tech. Gennady A. Amiryants at al.
Main Scientist​​​​​
www.tsagi.ru

Verwandte Artikel

Laser-Doppler-Vibrometer setzen Maßstäbe bei der Entwicklung von elektrischen Antrieben

Elektrische Maschinen werden zunehmend als primäre Antriebstechnologie in Fahrzeugen eingesetzt. Das akustische Verhalten des Antriebs ist ein wesentlicher Faktor für das Qualitätsempfinden von Elektrofahr…

5 min

Über selbsttragende und selbstausrichtende Compact-Shaker

Künstliche Erregung ist die Grundlage für verschiedene Geräusch- und Schwingungsmesstechniken, wie die experimentelle Modalanalyse, die Transferpfadanalyse, die Identifizierung von Lasten, die Korrelation …

10 min

Mikrometeoriten-Einschlagserkennung im Fokus

Die Kommerzialisierung der Weltraumforschung erhöht den Bedarf an innovativen Technologien für Weltraum- und Planetenexplorationen sowie Satellitenmissionen. Um die Sicherheit und Zuverlässigkeit von Raumf…

6 min

Performanzbewertung von -40° bis 85°C mit Laservibrometern

Der zunehmende Einsatz von Touchscreens in Kraftfahrzeugen führt zu einer visuellen Informationsüberflutung mit kritischem Einfluss auf die Sicherheit. Rückmeldungen an den Fahrer mittels haptischer Feedba…

5 min

Inertialshaker für den Modaltest

Möchte man das Schwingungsverhalten eines Objekts prüfen, das nicht von sich aus schwingt, muss man es von außen anregen. Für Modaltests sind sowohl ein elektromagnetischer Shaker als auch ein Modalhammer …

6 min

Wenn Kondensatoren in Unterhaltungselektronik ungewollt mitsingen

Jeder freut sich über eine gute Tonqualität auf einem mobilen Gerät, wenn er eine Sendung ansieht oder mit Freunden und Familie oder in einer Geschäftsumgebung kommuniziert. Auf der anderen Seite erschreck…

3 min

Wo das Laser-Doppler-Vibrometer bei der Schwingungsmessung hilft

Im Bereich der Schwingungsprüfung stellt die Massenbeladung eine zentrale Herausforderung dar. Das Verhalten eines Bauteils bei dynamischer Schwingungsuntersuchung wird durch die zusätzlich aufgebrachte Ma…

5 min

Erfassung von FRF unter Anwendung der QTec® Mehrkanal-Interferometrie

Für unterschiedliche strukturdynamische Aufgabenstellungen spielt die Erfassung von Übertragungsfunktionen (engl. FRF, frequency response functions) eine wichtige Rolle. Das Ziel ist in den meisten Fällen …

7 min

Betriebsschwingungsanalysen an Lautsprechern

Lärmschutz spielt sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich eine wichtige Rolle. Um erforderliche oder bereits getroffene Maßnahmen zur Lärmsenkung prüfen zu können, werden Luftschallmessungen dur…

4 min

Laservibrometrie für realistisches haptisches Feedback

Das Smartphone hat es vorgemacht, dass Tasten ohne Komforteinbußen ersetzt werden können. Ganz im Gegenteil: Das frei konfigurierbare Display mit Gestensteuerung hat die Bedienung vereinfacht. Hap2U treibt…

7 min

Geräusch- und Modalanalysen für einen leisen und zuverlässigen Betrieb

Das Wachstum des Drohnenmarkts hat viele Ursachen: Eine wachsende Besorgnis in Hinblick auf die Sicherheit von Nationen und Grenzen sorgt für zunehmenden Bedarf in der fortschrittlichen Luftüberwachung, Pa…

6 min

Messungen mit breitbandiger piezoelektrischer Kraftanregung

Mit zunehmender Verbreitung elektrischer Antriebe in Fahrzeugen ergeben sich neue Anforderungen an die akustischen Eigenschaften des gesamten Antriebsstranges. Der klassische Verbrennungsmotor erzeugt eine…

4 min

Akustische Abstrahlung schwingender Flächen in elektrischen Antriebssystemen

Der wachsende Markt elektrischer und teilelektrischer Fahrzeuge stellt neue Anforderungen an die akustische Qualität der Produkte. Das Schallabstrahlverhalten elektrifizierter Antriebsstränge unterscheidet…

4 min

Experimenteller Modaltest mit Laservibrometern

Ein wichtiger Anwendungsbereich von Laservibrometern ist die Validierung von Simulationsmodellen. Die Geometriedaten von Finite-Elemente-Netzen werden dazu in die Software des Messsystems geladen. Die Mess…

4 min

Xtra 3D-Scanning-Vibrometrie an rollenden Reifen

Mit einem Xtra Scanning Vibrometer erfasste dynamische 3D-Betriebsschwingformen helfen, die Ursache des Reifenabrollgeräusches zu ermitteln. Bei einer Vielzahl von Fahrbedingungen sind die rollenden Reifen…

5 min
Lade mehr