In Luxemburg liegen Infrastruktur und Natur dicht beieinander. Kühe weiden neben Datenzentren, auf Seen schwimmen Photovoltaikanlagen und die nächste Autobahn ist nie weit entfernt. Die Spannung, die zwischen den unterschiedlichen Klangkörpern in der Landschaft entsteht, wurde in der Installation „Ecotonalities — No Other Home Than the In-Between“ durch vielseitige Hörperspektiven erfahrbar. Der im Titel enthaltene Begriff ‚Ecotone’ (deutsch: ‚Ökoton‘) stammt aus der Ökologie und bezeichnet eine Übergangs- und Kontaktzone, in der unterschiedliche Lebensräume aufeinandertreffen. Diese Zonen sind oft besonders vielfältig und dynamisch – und in Luxemburg in Form von Übergängen zwischen menschlicher Infrastruktur und anderen Lebensräumen überall präsent.
Für die Aufnahmen reiste der Autor gemeinsam mit dem Kuratoren-Team im Frühling und Herbst quer durch Luxemburg. In diesem kleinen Land legten sie dabei 2700 Kilometer zurück und nahmen über 240 Stunden Tonmaterial auf. Es wurden die Klänge und Vibrationen von Datenzentren, Staumauern, Satelliten-Bodenstationen und Windkraftanlagen aufgezeichnet – ebenso wie die Wiesen, Seen und Wälder, die sie umgeben. Zum Einsatz kamen Surround- und Richtmikrofone, Unterwassermikrofone, elektromagnetische Sensoren, Kontaktmikrofone, Geofone und das VibroGo.

Das VibroGo war besonders hilfreich, um feinste Resonanzen und verborgene Prozesse aufzudecken. So wurde es genutzt, um die tiefen Vibrationen von Windkraft- und Photovoltaikanlagen hörbar zu machen.

Auch indirekte Klänge – etwa der Wind auf Metallgittern oder vorbeifahrende Fahrzeuge, die ein Brückengeländer in Schwingung versetzen – konnte in einem glasklaren Klangbild mit breitem Frequenzspektrum aufgezeichnet werden. Doch nicht nur die größten Objekte der Landschaft wurden mit dem Laser abgehört.
Besonders spannend war es, diese Körperschall-Aufnahmen mit Luftschall-Aufnahmen zu kombinieren. So wurde eine Beißschrecke gleichzeitig mit dem VibroGo über den Grashalm und mit einem Parabolmikrofon aufgenommen, das den Klang stark gerichtet über die Luft einfing. In solchen Kombinationen entsteht ein orchestraler Klang der Landschaft, bei dem jedes Mikrofon wie ein Instrument wirkt. In diesem Fall fungierte das Vibrometer als tiefer Bass, während das Parabolmikrofon die hohen perkussiven Anteile hervorbrachte – beiden lag jedoch dasselbe Ausgangssignal zugrunde.
Für die Installation in Venedig wurden die komponierten Klänge über 24 Audiokanäle wiedergegeben, verteilt auf verschiedene Lautsprecher im gesamten Raum. In einem Halbkreis waren präzise Wandlautsprecher angeordnet, auf dem Boden standen Hi-Fi-Boxen, dazu kamen Deckenlautsprecher und weitere im Rücken. Im Zentrum befand sich eine gepolsterte Plattform mit integrierten Lautsprechern und vier Körperschallwandlern – Lautsprecher, welche die Schwingungen direkt auf die gesamte Liegefläche übertrugen. Die Besucherinnen und Besucher waren eingeladen, sich darauf zu legen und die Klänge und Schwingungen der Landschaft mit dem ganzen Körper wahrzunehmen.
Die Struktur des dreißigminütigen Stücks folgte einerseits einer Bewegung vom Materiellen (Wasser, Wind) zur Energie und zu immateriellen Daten. Andererseits wurde ein Tagesablauf vom Morgen bis in die Nacht nachgezeichnet. Dabei wurden die Aufnahmen wie ein Orchester komponiert: mehrere Stimmen gleichzeitig, manchmal in verschiedenen Geschwindigkeiten, um unterschiedliche zeitliche Perspektiven hörbar zu machen. So entstanden Verbindungen zwischen technischen und tierischen Klängen – elektromagnetische Felder und Insektenrufe klangen teils erstaunlich ähnlich.
Im Pavillon wurden die Besucherinnen und Besucher von einer vielschichtigen Klanglandschaft umgeben, die sie durchschreiten oder in der sie sich hinsetzen und hinlegen konnten, um noch tiefer einzutauchen. Für viele war es eine besondere Erfahrung, über die vibrierende Plattform Zugang zu einer verborgenen Dimension der Landschaft zu erhalten – dem ‚Vibroscape‘. Infrastruktur und das eng verzahnte Leben darin und darum herum wurden körperlich erfahrbar. Zugleich wurde es zu einer Quelle von Erkenntnis über die Rolle des Klangs in der Landschaft – eine Dimension, die in Architektur und Städtebau oft übersehen wird.
Damit die Klänge nicht nur im Pavillon erfahrbar bleiben, erscheint die Komposition demnächst auch als Vinyl-Schallplatte beim Label -OUS und kann so bequem zuhause gehört werden – am besten mit Subwoofer.
Das VibroGo war für dieses Projekt mehr als ein Messinstrument. Es wurde Teil eines künstlerischen Instrumentariums, das ein pluralistisches Hören ermöglicht – jenseits der Trennung von Natur und Technik. Es eröffnet neue Wege, unsichtbare Dimensionen von Landschaften und Infrastrukturen erfahrbar zu machen, und wird auch in den zukünftigen Projekten des Autors eine zentrale Rolle spielen.













